Nach 1945

Heimkehr

Nach der Besetzung Deutschlands durch die Alliierten im Frühjahr 1945 erhielten alle ehemaligen Häftlinge den Status „DP“ (Displaced Person). Sie wurden in DP-Lagern, nach Nationalitäten getrennt, untergebracht und in ihre Heimatländer überführt. Von den „Frauen von Obernheide“ überlebten ungefähr die Hälfte. Nach der Befreiung von Bergen-Belsen gingen einige in ihre Herkunftsländer, andere wanderten nach Schweden, England oder andere Staaten aus. Viele hofften auf einen jüdischen Staat in Palästina, der Sicherheit und Schutz bietet.
American Jewish Joint Distribution Committee (JOINT), 1914 gegründet, ist die wichtigste jüdische Hilfsorganisation für die Überlebenden der DP-Lager in Deutschland, Österreich, Ungarn, Italien, Rumänien und Polen. Er sorgt für zusätzliche Lebensmittel neben den zugeteilten Rationen, außerdem für Kleidung, Bücher und Schulbedarf sowie Gegenstände, die den religiösen und kulturellen Interessen dienen.


Am Beispiel von Lilly Kertez werden die Schwierigkeiten der heimkehrenden Häftlinge dargestellt:

Heimkehrende Ghettobewohner nach der Befreiung
Budapests 1945

Zwar ist Lilly die alte Heimat durch die Verfolgung des ungarischen Staates fremd geworden, aber sie hofft auf ein Wiedersehen mit ihrer Familie in Eger. Am 14. Juli 1945 erhält Lilly Agnes Weisz eine Identitätskarte des DP-Camps Bergen-Belsen, aber noch keinen Paß. Sie fährt mit dem ersten tschechischen Transport zunächst nach Prag.

Quelle: Levai, Eugene, Black Book on the martyrdom of Hungarian Jewry, S.91

Der JOINT organisiert den Rücktransport nach Ungarn über Prag. Diese jüdische Hilfsorganisation sorgt für zusätzliche Lebensmittel neben den zugeteilten Rationen, außerdem für Kleidung, Bücher und Schulbedarf sowie Gegenstände, die den religiösen und kulturellen Interessen dienen. Im September 1945 fährt Lilly nach Eger. Sie findet im JOINT Asyl, begegnet aber in ihrer Heimatstadt immer noch offenem Antisemitismus Das Haus ihrer Familie wurde bei einer Brückensprengung während des Krieges zerstört. In seinen Trümmern findet sie Fotos ihrer Familie. Nach und nach erfährt Lilly das Schicksal ihrer Angehörigen: Ihr Verlobter Gyuri verhungerte im Winter 1944/45 beim jüdischen Arbeitsdienst der Honvèd. Ihr gehbehinderter Vater wurde gleich nach der Ankunft in Auschwitz vergast und verbrannt, wie wenig später ihre Großmutter und Tanten. Den gleichen Tod erlitten ihre Mutter und ihre Schwester Jutka, nachdem sie in Hessisch-Lichtenau alsarbeitsunfähig ausgesondert waren. Pfeilkreuzler erschossen ihren Bruder Pista an seinem 19. Geburtstag im Oktober 1944 auf offener Straße am Almassy-Platz in Budapest. Lilly sitzt in den Trümmern ihres Hauses. Im Rauch verbrannter Briefe glaubt sie, die Gesichter ihrer geliebten Familie zu sehen. So blieb meine Familie mir in Erinnerung: Großmutter im Bett, den Kopf auf einem Berg von Kissen, mein Onkel und meine Tante, die ihre Tränen zurückhielten, als wir uns verabschiedeten. Der winkende Gyuri am Ende des Tompa Platzes. Die dankbaren Augen Vaters, als ich ihm in Auschwitz sein Rasierzeug reichte. Seine letzten besorgten Worte an Mutter: “Stell’ dich in die Mitte und halte die Mädchen fest an der Hand!” Pista mit seinem heiteren Gesicht, immer zu Späßen aufgelegt. Ich sehe eine stolpernde, bündeltragende Menge. Begleitet von bewaffneten Gendarmen, schleppen wir uns auf dem holprigen Weg vorwärts. Tante Kata geht schwer bepackt, neben ihr Onkel Miklos, der sie stützt. In Maklar gelang es uns nicht, in denselben Waggon einzusteigen. In Auschwitz habe ich sie nicht mehr gesehen. Jetzt glaube ich, die Stimme meiner kleinen Schwester zu hören: “Schau, Mutti, dort ist Lilly! Dort oben!”
Wir sind auf dem Weg von Birkenau nach Bremen und stehen an einer Böschung, unten auf den Schienen wartet der lange Zug. Die Gruppe meiner Mutter geht neben dem Waggon, als Jutka mich bemerkt. Sie zeigt lachend das Brot, das sie bekommen hat. Meine Mutter beruhigt mich, daß wir uns am Ende der Reise wieder treffen werden. Wir steigen in verschiedene Waggons ein. Mit anhaltendem Atem ließ ich die Bilder auf mich wirken. Sie verschwanden und nahmen einen Teil meiner Seele mit. Weinend saß ich auf den Trümmern.

 
Der tschechische Ausweis für Lilly Weisz wurde am 17. Juli 1945 in Prag ausgestellt. Er diente der Wiedereinbürgerung. Lillys „KZ-Reiseroute“ Auschwitz - Bremen - Bergen-Belsen ist vermerkt
 
 
Lilly Agnes Weisz erhält vom DEGOB in Budapest eine Identitätskarte.
Quelle: Privatbesitz
 
  Der Sozialminister Dr. Erik Molnar besichtigt die erste Hauptlieferung des Joint von Hilfsgütern an die Juden in Budapest.